Balkone im norddeutschen Küstenbereich sind besonderen Belastungen ausgesetzt, die es in den Binnenregionen kaum in dieser Intensität gibt. Salzhaltige Luft, hohe Windlasten, wechselnde Feuchte und Frost-Tau-Wechsel nagen jahrelang am Beton, an Beschichtungen und Metallbauteilen. Für Eigentümer in Ostfriesland, im Oldenburger Land und entlang der gesamten Nordseeküste bedeutet das, dass Wartungsintervalle kürzer ausfallen, Materialentscheidungen schwerer wiegen, und Sanierungen bauphysikalisch sauber geplant werden müssen. Wer eine bevorstehende Instandsetzung strukturiert angeht, spart mittel- und langfristig große Folgekosten und erhält die Standsicherheit der Konstruktion.
Klimatische Belastungen an der Küste und ihre Folgen für die Bausubstanz
Die maritime Atmosphäre im Nordwesten enthält gelöste Chloride, die über Nebel und Niederschlag in die Bauteile eindringen. Chloride wandern in die mineralischen Baustoffe ein, senken dort den pH-Wert im Beton und leiten die sogenannte chloridinduzierte Korrosion an der Bewehrung ein. Visuell greifbar wird dieser Prozess erst spät, etwa dann, wenn erste Abplatzungen an den Balkonplatten oder Rostränder an den Untersichten der Balkongeländer auftreten. Küstenbauteile mit direkter Bewitterung fallen gemäß den einschlägigen Regelwerken in die Expositionsklassen XS1 bis XS3, in Spritzwasserbereichen sogar XD3. Diese Einstufungen sind für die Betondeckung, die Zementart und den zulässigen Wasserzementwert der bei der Sanierung zu verwendenden Betone maßgebend.
Die Windlasten liegen im Nordwesten ebenfalls überdurchschnittlich hoch. Die DIN EN 1991 unterscheidet für Deutschland verschiedene Windzonen, wobei die Küstenregion in Windzone 4 eingeordnet ist, zum Teil mit Böengeschwindigkeitsdruck über 1,05 kN/m². Für Absturzsicherungen ist damit ein erhöhter Aufwand in der Verankerung, im Pfostenabstand und in der Materialstärke verbunden. Feuchtigkeit dringt darüber hinaus über Kapillarität in Fugen und Risse ein. Risse ab 0,2 Millimeter Breite lassen bereits so viel Wasser eindringen, dass Frostschäden entstehen.
Bestandsaufnahme, Bauteilprüfung und rechtlicher Rahmen
Vor jeder Balkonsanierung im Norden bedarf es einer sorgfältigen Zustandsanalyse. Der Fachplaner wird einen Prüfkatalog erstellen, der zumindest Folgendes berücksichtigt:
- Betondeckungsmessung nach DIN EN 12504 und Feststellung der Karbonatisierungstiefe
- Chloridgehalt in Bohrmehlproben, Grenzwerte nach Instandsetzungsrichtlinie
- Rissbild, Rissbreite und Verlauf
- Zustand der Abdichtung, Gefälle der Balkonplatte, Anschluss ans Mauerwerk
Standsicherheit und Verankerung des Geländers, Korrosionsspuren an Fußplatten und Dübel prüfen
Feuchtemessung in angrenzenden Wohnräumen
Rechtlich bindend sind die Landesbauordnung Niedersachsen, DIN 18065 Geländer, DIN 18008 Verglasungen. Nach DIN 18065 beträgt die Mindesthöhe der Umwehrung bis zu einer Absturzhöhe von 12m 90cm, darüber 110cm. Die Öffnungen zwischen den Füllstäben dürfen 12cm nicht überschreiten, Kleinkinder dürfen nicht hindurchrutschen können. Die horizontale Nutzlast auf dem Handlauf beträgt für Wohnbauten 0,5 kN/m, für Versammlungsstätten wesentlich mehr. Diese Werte sind bei jeder Sanierung die Untergrenze, ältere Bestandskonstruktionen genügen vielfach nicht.
Wer ein denkmalgeschütztes Gebäude saniert, muss selbstverständlich auch die Denkmalschutzbehörde mit einbeziehen. In vielen alten Städten im Nordwesten, so etwa in Jever, Aurich oder Leer, gibt es Gestaltungssatzungen, die Material und Farbe vorschreiben.
Materialwahl für Balkongeländer im Küstenklima
Das Material für die Balkonsanierung im Norden wird anders gewählt als im Binnenland. Feuerverzinkter Stahl mit einer Zinkschichtdicke von mindestens 70 Mikrometern weist einen soliden Grundschutz auf, benötigt aber bei hoher Salzbelastung eine zusätzliche Duplexbeschichtung. Eine Kombination aus Feuerverzinkung und Pulverbeschichtung erreicht Standzeiten von 25 bis 40 Jahren, bevor sie grundhaft erneuert werden muss.
Edelstahl der Werkstoffnummer 1.4401 oder 1.4404, in der Praxis V4A genannt, ist in Küstennähe Standard. Der Molybdänanteil erhöht die Beständigkeit gegen Lochkorrosion, die bei einfachem V2A-Stahl unter Chlorideinfluss regelmäßig auftritt. Bei sichtbaren Bauteilen ist auf die saubere Oberflächenbehandlung zu achten; Anlauffarben und Schweißnähte sind dann stets bevorzugte Angriffspunkte für Korrosion.
Aluminium, vornehmlich in den Legierungen EN AW-6060 oder EN AW-6063 mit Pulverbeschichtung, weist als Baustoff ein hervorragendes Gewicht und weitgehende Wartungsfreiheit auf. Dabei ist darauf zu achten, dass keine unterschiedlichen Metalle in Berührung kommen, denn bereits bei Feuchtigkeit beginnt die Kontaktkorrosion zwischen Aluminium und Stahl zügig zu arbeiten. Isolierscheiben und Kunststoffhülsen an den Verbindungspunkten sind hier Pflichtsache.
Glasfüllungen aus Verbundsicherheitsglas bieten neben Sichtschutz auch Windschutz. Die Dicke richtet sich nach der Feldgröße und der statischen Berechnung, hier sind 8.8.4 oder 10.10.4 mit PVB-Folie üblich. Bei senkrechten Vertikalverglasungen ist eine bauaufsichtliche Zulassung des Systems nachzuweisen.
Ablauf einer Balkonsanierung
Der Sanierungsablauf erfolgt in mehreren Phasen. Zunächst wird die alte Beschichtung bis auf die Bewehrungsstähle abgetragen, meist durch Kugelstrahlen oder Hochdruckwasserstrahlen mit 800 bis 2500 bar. Die freigelegten Bewehrungsstähle sind dann auf den Reinheitsgrad Sa 2½ vorzubereiten und mit Korrosionsschutzmörtel zu behandeln. Dann folgt der Auftrag eines Reprofilierungsmörtels gemäß der Instandsetzungsrichtlinie des Deutschen Ausschusses für Stahlbeton.
Die Abdichtung stellt die kritische Schicht des Aufbaus dar. In der Praxis haben sich zwei Systeme bewährt, nämlich mineralische Dichtschlämme mit Oberflächenschutz oder flüssig aufgebrachte Polyurethansysteme mit einer Trockenschichtdicke von ca. 2mm. Ein Gefälle von mindestens 1,5 % zur Traufe hin verhindert stehendes Wasser. Randanschlüsse an das Mauerwerk sind mit einem hochgezogenen Dichtungsschenkel von mindestens 15cm auszuführen.
Als Belag sind vor allem Fliesen im Dickbettverfahren oder ein losverlegter Plattenbelag auf Stelzlagern mit Frostbeständigkeit, Wasseraufnahme unter 0,5 % und elastisch chloridbeständigem Mörtel in den Fugen zu verwenden. Für die abschließließende Montage der Absturzsicherung sind Ankerplatten und Chemieanker mit europäischer technischer Bewertung nach ETAG 001 zu verwenden. Die Ausziehwiderstände müssen mindestens das Doppelte der rechnerisch ermittelten Lasten betragen.
Kosten, Zeitplanung und Werterhaltung
Die Kosten einer Balkonsanierung im Küstenbereich liegen in einem Spektrum, das stark vom Zustand, der Größe und der Materialwahl abhängt. Für eine grundhafte Instandsetzung einer 8 Quadratmeter großen Balkonplatte (neue Abdichtung, Belag und einfache Metallabsturzsicherung) sind Beträge zwischen 8.000 und 15.000 Euro üblich. Aufwendige Konstruktionen mit Glasfüllungen, statisch neu berechneten Verankerungen oder denkmalschutzrechtlichen Auflagen können wesentlich darüber liegen.
Zeitlich haben Eigentümer mit 4 bis 8 Wochen Bauzeit zu rechnen, wobei Trocknungszeiten der Abdichtung und Aushärtezeiten der Mörtel den kritischen Pfad vorgeben. Sanierungsarbeiten sind terminlich zwischen April und Oktober sinnvoll, da viele Beschichtungen Untergrundtemperaturen über 5 Grad Celsius und relative Luftfeuchte unter 80 Prozent verlangen.
Für die Werterhaltung ist ein Wartungsintervall von 5 Jahren mit Sichtprüfung, Reinigung der Entwässerung und Kontrolle der Beschichtung empfehlenswert. Kleinere Reparaturen an den Fugen und den Anstrichen verlängern die Lebensdauer der gesamten Konstruktion. Wer Wartungsprotokolle führt, erfüllt damit nicht nur die Verkehrssicherungspflichten, sondern ist auch bei späteren Beweisführungen im Falle von Versicherungsfällen oder bei Verkaufsverhandlungen im Vorteil. Gerade in Regionen mit starker maritimer Belastung amortisieren sich diese Aufwendungen über die gesamte Nutzungsdauer eines Wohngebäudes von 60 bis 80 Jahren mehrfach.




